Auch in 2022 lautet das Motto meiner Anlagestrategie „Keep it simple“

Privatanlegern wird schon seit langem geraten, ihr Portfolio einfach, diversifiziert und langfristig auszulegen. „Einfach“ bedeutet: mit möglichst minimalem Pflegeaufwand. „Diversifiziert“ bedeutet: mit einer Mindestanzahl verschiedener Einzelwerte über verschiedene Branchen und Regionen hinweg. Je nach eigener Risikobereitschaft auch über verschiedene Anlageklassen (Anleihen, Aktien, Edelmetalle, Immobilien). „Langfristig“ bedeutet: mindestens über zehn Jahre. Umso länger, desto besser. Anlagestrategie

In allen drei Punkten sind sich unabhängigen Finanzmarktexperten, die sich wissenschaftlich mit der Thematik beschäftigen, einig. Aber leider haben ja einige Deutsche – wie Corona wieder gezeigt hat – mit der Wissenschaft so ihre Probleme. Es scheint fast so, als hätten manche einen eingebauten Skepsis-Motor, der zündet, sobald uns Experten über den Stand der Wissenschaft informieren. Es lebe der Widerstand!

Okay, ich würde nicht so weit gehen und Privatanleger, die in Einzelaktien investieren, als ETF-Leugner zu bezeichnen. Es gibt Gründe für ihre Anlagestrategie. Zwar keine guten, aber immerhin Gründe. Anlagestrategie


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Ein ETF reicht! Aber auf mich hört ja keiner…

Ein Portfolio aus börsengehandelten Indexfonds (ETFs) reicht für 95 Prozent aller Privatanleger völlig aus. Es ist steuereffizient, transparent und simpel. Die Auswahl einzelner Aktien bringt keinen systematischen Renditevorteil. Es sei denn, man verzichtet bewusst auf Diversifikation, indem man überproportional auf bestimmte Unternehmen oder Branchen setzt.

Einfache Portfolios haben sich in den letzten Jahrzehnten bewährt. Trotzdem gibt es im Universum der Privatanleger einen Drang zu Einzelaktien. Woran liegt das?

Ich denke es liegt in erster Linie am Unterhaltungswert und eigenen (wirtschaftlichen) Interessen der „Finfluencer“. Was wäre Kolja Baarghorn ohne seine Videos zu CD Projekt und anderen Aktien? Was wären manche Social-Media-Kanäle oder Blogs ohne Aktienanalysen? Was wären Aktienscreener ohne massenweise Kennzahlen, Scoring-Modellen und Musterportfolios?

Was das Anlageprodukt betrifft, setze ich persönlich auf EINEN ETF – den Vanguard FTSE All-World. Problem: Damit lässt sich schwer ein Social-Media-Kanal betreiben. Oder wie soll das aussehen? Heute: 0,3 Prozent rauf, keine Dividenden, meine ausgeführten Sparpläne: FTSE All-World. Fertig. Anlagestrategie

Vielleicht folgst du ja auch meinem Instagram-Kanal 🙂 Dort habe ich in den letzten Tagen mehrfach über den Hashtag #GegenFinanzp0rn0grafie aktives Investieren kritisch hinterfragt. Damit mache ich mir keine Freunde. Ich habe schon einige sehr negative Nachrichten dazu bekommen. Aber egal. Ich bin der Meinung, dass viele neue Anleger aufgrund der oben beschriebenen Interessen in Einzelaktien und die aktive Geldanlage getrieben werden. Obwohl es in keiner Weise ihrem eigenen Risikoprofil entspricht. Und genau deshalb, versuche ich ein kleines Gegengewicht zu schaffen.

Ganz ehrlich, am Ende hört sowieso keiner auf mich. Dafür fehlt mir die Reichweite. Wenn ich aber nur ein paar Anleger damit erreichen kann, hat es sich schon gelohnt. Anlagestrategie


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Finanznachrichten sind ein profitables Geschäft

Die meisten Anleger (hier vor allem die männliche Form) tüfteln täglich an ihren Portfolios. Analysieren hier, lesen die neuesten Unternehmensmeldungen dort. Werfen alle paar Monate Aktien aus dem Depot und nehmen neue Highflyer wieder rein. Probieren sich im Market-Timing – im Irrglauben, den Markt überlisten zu können.

Leider werden diese Verhaltensweisen aus der Finanzbranche gefördert. Klar, die leben ja davon. Wo kämen wir da hin, wenn alle nur ETFs kaufen würden?!

„Wo kämen wir hin, wenn jeder sagte, wo kämen wir hin, und keiner ginge mal nachsehen, wo man hinkäme, wenn man hinginge. “
(Kurt Marti)

Der Aktionär muss ja seine Hefte verkaufen. Finanzportale brauchen Zugriffe, um Werbeeinnahmen zu generieren. Kostenpflichtige Aktienanalyse-Webseiten brauchen Nutzer, die für die „wichtigen“ Informationen zahlen.

Ist mir alles zu teuer und zu stressig. Ich brauche meine Nerven und Zeit andernorts.

Kurzfristiziose ist ansteckend

Die Ein-ETF-Strategie ist nicht Mainstream. Zumindest nicht in Deutschland, wo spätestens 2020 viele neue Privatanleger in den Markt gekommen sind. Mit ihnen stieg die Zahl der Finfluencer und Teilzeit-Aktienanalysten exponentiell. Viele von ihnen ermutigen Anleger zu aktivem Handeln, gezielter Aktienauswahl, Market-Timing und teilweise auch zu komplexen Anlageprodukten. Warum sonst versuchen sich Anleger an Smart-Beta-Fonds, Optionsscheinen oder Rohstoff-Futures?

Das wiederum führt zur stündlichen Kontrolle von Kursen und des Depotstandes. Wer sein Depot täglich kontrolliert, leidet an Kurzfristiziose (Copyright@Finanzblogroll).

Bitte lasst euch nicht von diesen Trends verführen. Ich weiß, es ist schwierig. Ich habe auch jahrelang in einzelne Aktien investiert.

Der Mix aus ETFs und dennoch möglichst gewinnbringenden Strategien bei Brokern und Vermögensverwaltern, führt zu neuen, völlig absurden Produkten. So wird der Begriff „Diversifikation“ teilweise für Werbung von Portfolien verwendet, die eine Vielzahl von aktiv verwalteten Fonds beinhalten. Allerdings bewirkt das Hinzufügen von aktiven Vermögensverwaltern zu einem bereits diversifizierten Portfolio (wie ein FTSE All-World ETF) genau das Gegenteil. Es führt zur Konzentration einzelner Aktien, Branchen oder Regionen. Somit steigt systematisch das Risiko schlechter abzuschneiden als der breite Markt. Zudem ist es deutlich teuer als ein rein passives Produkt.


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Komplexität und Risiko

Die Welt ist komplex. Und sie wird es immer mehr. Das heißt aber nicht, dass komplexe Anlagestrategien erfolgreicher sind. Je höher die Komplexität, desto höher die Fehlerwahrscheinlichkeit. Oder hast du schon mal davon gehört, dass beim Trabant die Sitzheizung ausgefallen ist?

Unter dem Begriff „Risiko“ verstehen wir unterschiedliche Dinge. Die Finanzbranche setzt Risiko oft mit Volatilität gleich. Die meisten Anleger verstehen darunter die Wahrscheinlichkeit (temporär) Vermögen zu verlieren. Deshalb bekommen sie auch Produkte angedreht, die scheinbare Sicherheit versprechen.

Zusammenfassung Anlagestrategie

Als Privatanleger brauchst du nicht viel Geld, um mit dem Investieren zu beginnen. Du kannst jederzeit und mit geringen monatlichen Sparraten anfangen. Hier noch ein paar einfache Regeln:

  1. Schau nicht zu häufig ins Depot. Je seltener, desto besser.
  2. Versuche nicht den Markt zu timen. Mit einem automatischen Sparplan läuft es praktisch von selbst.
  3. Definiere einen Plan, den du LANGFRISTIG durchhalten kannst.
  4. Habe realistische Erwartungen. Die langfristige Aktienrendite liegt bei 7-8% pro Jahr. Vor Inflation und Steuern. Versuche nicht reich zu werden, aber nicht arm zu sterben (©Finanzwesir)
  5. Fange so früh wie möglich an.
  6. Kaufe passive ETFs und trade nie. Gebühren machen bei den meisten Anlegern einen erheblichen Unterschied.
  7. Geldanlage ist kein Spiel. Du solltest mit der Altersvorsorge niemals zocken.
  8. Wenn du Einzelaktien kaufen möchtest, dann fange mit einem kleinen Anteil deines Gesamtvermögens (<10%) damit an.
  9. Habe Geduld!
  10. Habe Demut! (Du bist nicht Warren Buffett)

Was glaubst du? Haben wir eine Chance gegen die penetranten „Aktien-Aktivisten“?


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5 Gedanken zu „Auch in 2022 lautet das Motto meiner Anlagestrategie „Keep it simple““

  1. Weise Worte, wie immer sehr unterhaltsam geschrieben. 🙂

    Um die Frage (Haben wir eine Chance gegen die penetranten „Aktien-Aktivisten“?) zu beantworten: Nein, keine Spur. Das wäre ja so, als ob sich plötzlich alle an die Verkehrsregeln halten würden oder sich impfen ließen!

    PS: McGyver war nicht der Erste, der den MSCI World geschlagen hat, Chuck Norris hat das schon vorher geschafft, mit bloßen Händen! Das war in den frühen 80ern, glaube ich!

  2. Mein lieber Felix.
    Erst einmal nachträglich noch ein Frohes Neues Jahr für Dich und Deine Familie! Der Beitrag trifft es mal wieder, und bei einigen Dingen musste auch ich Schmunzeln. Ok ich habe mehr als den FTSE in meinem Depot, sehe aber aus „Content“-Gründen nicht, jeden Mist sofort zu teilen.

    Finanzpornographie trifft es ja auch ganz gut, wenn man teilweise sieht, wie sich Leute zum Deppen machen bei Instagram, nur um ein paar Klicks/Follower mehr zu bekommen. Meine Welt war das nicht und es nicht.

    Ist auch immer ganz witzig wenn Leute ihre 5 Strategien auf 5 Depots verteilen, und sich und andere selber die Säcke voll machen. Am Ende geht eh alles in einen Topf. Wäre bei mir nichts andere wenn ich die 310% aus Kryptowährungen im Jahr 2021 nur erwähnt hätte. Zur Wahrheit gehört aber alles in allem mit Aktien und ETFs, und dann waren es nur noch 38%.

    Wenn ich dann noch sage, das es mir wurscht ist wenn es am Ende 2022 nur 10% oder 15% sind, ist das natürlich ebenfalls nicht Populär. Aber so bin ich halt, und werde mich auch weiterhin nicht zum Sklaven meines eigenen Depots machen.

    Jeder muss seinen Weg finden, und da gehört manchmal auch Lehrgeld dazu. Wer nicht mehr möchte, und auch keine Zeit für mehr hat, soll wie meine Frau ebenfalls einfach einen ACWI nehmen und gut. Und wie Du richtigerweise schreibst, gibt es wichtigere Dinge im leben.

    Dir nur die Besten Wünschen und Bleib Gesund!
    Roger

    P.S: Die Bösen Nachrichten bekomme ich auch 😉

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