Das Leben ist nicht wie Schach, sondern wie Poker (Annie Duke)

Im Leben geht es vor allem darum, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Im sozialen Umgang miteinander, in der Berufsausbildung, über die verfügbaren Geldmittel und bei der Wahl des richtigen Partners. Das Problem: Auf die Fragen, die das Leben so aufwirft, gibt es oft keine klare Antwort. Es gibt zwar Leitplanken (Beispiel: Hau‘ deinem Nachbarn nicht die Schippe über’n Kopp), in vielen Momenten und Richtungsentscheidungen aber keine klaren Regeln. Es ist individuell. Annie Duke

Für das Eintauchen in den Prozess der Entscheidungsfindung und des Denkens gibt es einige hervorragende Bücher. Ich persönlich habe folgende drei selbst gelesen und viel daraus gelernt.

Ray Dalio – Die Prinzipien des Erfolges*
Daniel Kahneman – Schnelles Denken, langsames Denken*
Annie Duke – Thinking in Bets*

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Besonders empfehlen kann ich das Buch von der professionellen Pokerspielerin und Entscheidungsstrategin Annie Duke. Darin beschreibt sie unter anderem das Phänomen der „resultierenden“ Schlussfolgerungen bei der Bewertung unserer Entscheidungen. Demnach beurteilen wir die Qualität der Entscheidung anhand des Ergebnisses – anstatt auf Grundlage des Entscheidungsfindungsprozesses. Dieser Denkfehler tritt im privaten Bereich, aber häufig auch in der Politik und im Sport auf. Oft wird er durch die Medien verstärkt.

Müller schießt … scheiße! Annie Duke

Ein Beispiel: Es ist der 29. Juni 2021. Im Londoner Wembley-Station stehen sich England und Deutschland im EM-Achtelfinale gegenüber. In der 81. Minute, beim Stand von 1:0 für den Gastgeber, wird ein Steilpass auf Thomas Müller gespielt. Der kann praktisch frei bis zum Tor laufen. Er dribbelt einige Meter auf den englischen Schlussmann Jordan Pickford zu und schießt … gefühlt überhastet … am Tor vorbei. „Lauf doch noch ein paar Meter“ schreien 80 Millionen deutsche Bundes-Jogis. Aber zu spät. Fünf Minuten später fällt das vorentscheidende 2:0. Deutschland ist raus.

Viele Experten waren sich einig, dass Müller zu früh geschossen hat. Eine vermeintliche Fehlentscheidung. Schließlich war es kein Tor. Gegenfrage: Was wäre gewesen, hätte Müller getroffen? Wer sich heute die Szene anschaut, sieht, dass Müller einfach zu langsam war. Die Abwehrspieler hatten ihn schon fast eingeholt. Seine Entscheidung zu schießen war also – bezogen auf die Umstände – richtig.



Kampf der Systeme Annie Duke

Wir müssen erkennen, dass fast alle Entscheidungen des Lebens ein gewisses Maß an Unsicherheit mit sich bringen. Viele kleine Unternehmen wie Bars, Bistros oder Boutiquen mussten aufgrund der Corona-Pandemie schließen. Ich bin mir sicher, dass es darunter viele motivierte und gute Gründer gab, die unter anderen Umständen erfolgreich gewesen wären. Sie hatten einfach Pech mit dem Timing. Aber sollte das in der Bewertung ihrer Geschäftsidee eine Rolle spielen? Oder sollten sie (und andere) nicht den Entscheidungsfindungsprozess bewerten?

In Schnelles Denken, langsames Denken* beschreibt Daniel Kahneman zwei Systeme, die unser Gehirn und unsere Entscheidungen kontrollieren. Das erste ist das „Schnellreaktions-System“. Es zeichnet sich durch Leistungsstärke und Geschwindigkeit aus und hat uns während der Evolution am Leben gehalten. Denn für unsere Vorfahren entschied schnelle Treffen von Entscheidungen über Leben und Tod. Das Gehirn hat sich daran angepasst.

Wenn wir uns unter Druck gesetzt fühlen oder gestresst sind, übernimmt das System 1. Bei ruhigen Gesprächen übernimmt System 2. Im Streit wieder System 1. Das zeigt, dass sich unsere kognitiven Fähigkeiten unter Stress reduzieren. Deshalb sollte man in diesen Situationen auch keine wichtigen Entscheidungen treffen (es sei denn, sie sind überlebenswichtig).

Das Problem der Systeme ist, dass sie zu ungenauen Ergebnissen führen können.

Ein Beispiel für diese Schwachstelle liefert die Müller-Lyer-Illusion. Guckst du hier:

Annie Duke

Die Linien der Pfeile sind gleich lang. Allerdings erzeugt der Kontext der Pfeile die Illusion, dass Linie 1 deutlich länger wäre. Es ist das System 1, das diesen Eindruck erweckt. Warum? Weil wir voreilige Schlüsse ziehen und Denk-Abkürzungen nehmen wollen. Das kann Probleme innerhalb unseres Entscheidungsprozesses verursachen.

Unser Verstand hat außerdem noch eine dumme Angewohnheit. Denn er versucht unser Gedächtnis im Nachhinein zu verändern. Somit tappen wir in die ‚Ich wusste, dass das passieren würde‘-Falle.

Um die Art der Ergebnisse zu verstehen, müssen wir zunächst verstehen, welches Spiel wir spielen. Annie Duke macht in ihrem Buch ‚Thinking in Bets‘ die folgende Unterscheidung in Bezug auf strukturelle Entscheidungen.



SCHACH – Der Dümmere verliert

Das Spiel enthält keine wirklich versteckten Informationen. Sowohl die eigenen Figuren, als auch die des Gegners, sind jederzeit offen sichtbar. Es gibt eine endliche Zahl möglicher Züge und Ergebnisse. Der Zufall spielt beim Schach keine Rolle. Keine Natureinflüsse, keine Würfel, keine Intransparenz.

* Dass das nicht zu 100 Prozent zutrifft, erzähle ich dir in einer persönlichen Geschichte am Ende des Beitrags.

Wenn ein Schachspieler besser ist als ein anderer, ist es sehr wahrscheinlich, dass er gewinnt. In den seltenen Fällen, in denen ein Schachspieler mit geringeren Fähigkeiten gewinnt, liegt dies in der Regel an einem Fehler des anderen Spielers.

„Die Tatsache, dass ein Schachspieler in Zeitnot war, sollte ebenso wenig als Entschuldigung gewertet werden, wie die Aussage eines Gesetzesbrechers, er wäre zur Tatzeit betrunken gewesen.“

Alexander Alexandrowitsch Aljechin (Schachspieler)

Man kann ein Spiel rückwärts analysieren und – trotz aller strategischen Komplexität – die Ursache für einen Gewinn oder Verlust herausfinden. Es gibt kaum Chancen, die über das menschliche Element der Entscheidungsfindung hinausgehen.

Würde unser Leben ein Schachbrett sein, so müsste man erwarten, dass es eine vollkommene Leistungsgesellschaft ist. Die Besten würden an die Spitze aufsteigen. Und allen wäre klar und offensichtlich, warum das passiert. Die Planung wäre eigentlich sehr einfach und wahrscheinlich bereits vollständig von einem Algorithmus gesteuert worden. (Ups!)

POKER – Be the Flop be with you!

Vermutlich wäre das Leben als Spiel eher wie Poker. Da wird auch mehr gesoffen. Es gibt echten Zufall und Wahrscheinlichkeiten. Es ist ein Spiel mit unvollständigen Informationen, da einige von ihnen verborgen bleiben.

„Wenn du nicht innerhalb der ersten halben Stunde am Tisch erkennst, wer von den anderen der Dumme ist, dann bist du der Dumme.“
(Pokerweisheit)

Selbst Spieler, die zu jedem Zeitpunkt die bestmögliche Entscheidung treffen, können das Spiel verlieren. Sicherlich gewinnen bessere Spieler im Laufe der Zeit mehr Spiele und setzen psychologische Kenntnisse ein. Einzelne Spiele allerdings können sie dennoch verlieren.
Somit können deutlich schwächere und unerfahrene Spieler einen Poker-Crack schlagen. Im Schach ist das nicht möglich.



Et kütt wie et kütt!

Was lernen wir daraus? Annie Duke

Ein Spiel mit „unvollständigen Informationen“ ist eine bessere Reflexion über das Leben. Das Jahr 2020 war dafür ein gutes Beispiel. Der Zufall veränderte unser Leben, unser Handeln und unser Denken. Und wer hätte (außer Christian Drosten) schon damit gerechnet, dass wir eine weltweite Pandemie bekommen. Anderseits hätte es auch schlimmer kommen können. Wäre es ein Novovirus würden wir zur Maske noch die passende Pampers tragen.

Wir können unser Leben verbessern so wie wir uns in einem Spiel verbessern. Dafür müssen wir aus den Ergebnissen unserer Entscheidungen lernen. Denn letztendlich ergibt sich die Lebensqualität aus der Summer unser Entscheidungen plus Glück.

Die Probleme:

1. Glück kann auch negativ sein => Pech/Unglück
2. Der Glückfaktor hat unterschiedliche Gewichtungen

Bestimmen unsere Entscheidungen also 10 Prozent des Ergebnisses oder 90? Der Unternehmensberater würde sagen: „Es kommt darauf an.“ Und Recht hat, der Meeting-affine Schlipsträger. Denn zum einen lässt es sich nicht beziffern, zum anderen ist es individuell. Der eine hat kein Glück, beim anderen kommt noch Pech dazu.

Die Kernbotschaft lautet also: Et kütt wie et kütt!

Wir sollten uns darauf konzentrieren was wir beeinflussen können. Und das ist nicht das Ergebnis einer Entscheidung, sondern der Entscheidungsprozess davor. Dies funktioniert in beide Richtungen. Manch erfolgreicher Mensch ist sicherlich ein stumpfer Volltrottel, hatte aber Glück.

Anstatt davon auszugehen, dass wir das Ergebnis kontrollieren können, sollten wir versuchen, die Wahrscheinlichkeit zu kontrollieren. Bessere Entscheidungen zu treffen beginnt damit, dass wir die Auswirkungen von Unsicherheit verstehen.

Die Anwendung auf die Geldanlage überlasse ich jetzt euch. Ich bin müde und muss ins Bett. Hoffentlich schlafe ich schnell ein – wenn ich Glück habe.



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7 Gedanken zu „Das Leben ist nicht wie Schach, sondern wie Poker (Annie Duke)“

  1. Wie sagt man so schön. Lasse Dir die Vergangenheit ein guter Ratgeber sein, aber Dir nicht dadurch Deine Zukunft bestimmen. Es kommt wie es kommt.

    Ein toller Blogartikel mein lieber Felix. Und in vielen Deiner Gedanken, habe ich mich selbst gefunden.

    Nette Anekdote. Ich liebe das Schachspiel 😊

    Gruß Roger

  2. Pingback: Schmankerl der Woche KW46 2021 –

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