Es wird Zeit zu leben! Oder: Warum Angst auch hilfreich sein kann [#angstspannung]

Kennst du dieses diffuse Gefühl aus Angst und Aufgeregtheit? Beispielweise dann, wenn du vor einem großen Publikum sprechen musst. Egal ob als Kleinkind beim weihnachtlichen Krippenspiel, in der Schule beim Vorsingen (“I am Saaailing”) oder später bei einem wichtigen Business-Meeting. Ist alles wie Kindergarten – also absolut vergleichbar. Zeit zu leben

Im Englischen gibt es für dieses Gefühl den Begriff “scarecited”. Er setzt sich aus den Wörtern scared (verängstigt) und excited (aufgeregt/gespannt) zusammen. Somit beschreibt er einen Zustand, den die meisten Menschen unbedingt vermeiden wollen. Im Deutschen könnte man es mit dem Neologismus “Angstspanung” vergleichen. Und ich spreche hier nicht von einer Achterbahnfahrt oder Bungee-Jumping. Ich meine die Art „Ich-verändere-mein-Leben-auf-beängstigende-aber-letztendlich-aufregende-Weise“.

Wichtig: Im Folgenden geht es nicht um generalisierte Angststörungen, die eine ernstzunehmende Erkrankung darstellen und eine medizinische und psychotherapeutische Behandlung erfordern.

Warum scheuen wir uns von diesem Gefühl der “Angstspanung”?

Jeder Mensch – insbesondere diejenigen, die wie ich eher introvertiert sind -, der jemals ein Teambuilding-Event für Unternehmen ertragen musste, kennt dieses Gefühl aus Angst und Aufregung. Es entsteht immer dann, wenn wir unsere Komfortzone verlassen müssen. Noch infernalischer als Teambuilding sind nur feierabendliche Business-Networking-Events. Furchtbar!

Aber so sehr wir in solchen Situationen aus unserer Komfortzone gedrängt werden, so selten schaffen wir es in unserem Privatleben. Die meisten von uns suchen Stabilität und Konstanz. Ein schmuckes Haus für unsere Familie – am besten über Generationen vererbt. Eine Beziehung, die für immer hält. Einen kontinuierlicheren Aufstieg auf der Karriereleiter bei einem großen Konzern. Aber indem wir aktiv beängstigende Situationen vermeiden, verwickeln wir uns in einen Lebensstil, der unser Leben nicht bereichert. Es entsteht ein Gefühl von Frustration und Sinnlosigkeit. Das Leben erfüllt uns nicht.

Wir werden lediglich zu guten Konsumenten, die ständig Dinge kaufen, die wir nicht brauchen um Leute zu beeindrucken, die wir nicht leiden können. Ständiger Konsum auf der Suche nach kurzfristigem Glück. Oder warum haben so viele Menschen eine Midlife-Crisis, eine Affäre oder einen Sportwagen? Sie wollen das Gefühl haben, dass es in ihrem Leben immer noch etwas Aufregung gibt.

Warum “Angstspanung“ wichtig ist

Tatsächlich aber können wir uns das Leben aufbauen, das wir wirklich leben wollen. Oft sind es auch die vielen kleinen Momente der „Angstspanung“, die das Leben bereichern. In jedem Fall bringen uns die Situationen außerhalb der eigenen Komfortzone weiter als der einfache Weg durch das Nachahmen von anderen.

Wenn wir uns nicht ab und zu für beängstigende und aufregende Wege entscheiden, führen wir lediglich das Leben mit dem geringsten Widerstand. Ein Leben, von dem uns die Gesellschaft sagt, dass wir es führen sollen. Aber nicht das Leben, das uns wirklich Sinn, Zweck und Zufriedenheit geben könnte.

Ein sicherer 40-Stunden-Job in einem Konzern ist einfacher als seine Leidenschaft zum Beruf zu machen. Ob als Schriftsteller, Künstler, Schauspieler, Sänger oder was auch immer. Es ist auch einfacher, sich in einer Kleinstadt niederzulassen, als ständig um die Welt zu reisen. Wenn wir aber wirklich ein lohnendes Leben führen wollen, müssen wir das Gefühle der “Angstspanung“ zulassen und uns in entsprechende Situationen drängen.

Also: Kündige deinen Job, trenne Dich von deinem Partner, verkaufe dein Haus und all deine Besitztümer.

War nur Spaß 😁

Verstehe mich nicht falsch. Ein guter Job bei einem Konzern ist prima. Auch das Leben in der spießigen Vorstadt im eigenem Häuschen, Trampolin im Garten und weißem Gartenzaun bietet eine gute Basis. Glaub mir, ich weiß wovon ich rede 😉. Aber auch – und vielleicht auch gerade – in dieser Lebenssituation sollten wir regelmäßig spannende Projekte starten und neue Wege gehen.

Es wird Zeit zu leben

Was wäre ein sinnvoller erster Schritt? Ich denke zunächst ist entscheidend, ehrlich zu sich selbst zu sein. Was will man wirklich im Leben erreichen? Oder mindestens genauso richtig: Was will man im Leben nicht erreichen? Was sind die individuellen (und ehrlichen) Wünsche? Was sind potentielle Etappenziele?

Vor einigen Jahren erzählte mir ein Kollege von seinem Urlaub in Ägypten. Er war mit seiner Frau beim „Pyramiden-Hopping“ in Gizeh. Warum? „Damit man die auch mal gesehen hat.“ Das war seine Antwort. WTF?… Was ist das denn für eine Priorisierung im Leben? Und ähnliche Antworten höre ich leider häufig. Kollegen und Freunde erzählen davon, wie sie Sehenswürdigkeiten abklappern, nur „damit man die mal gesehen hat“. Bucket-List-Bullshit.

Du solltest dich also fragen, was du wirklich im Leben erreichen willst. Beziehungsweise wie du dein Leben leben möchtest. Als nächstes solltest du jemanden finden, der dich bei deinen Zielen unterstützt. Einige Menschen haben das Glück, eine Familie, einen Partner oder enge Freunde zu haben, die uns auch bei radikalen Veränderungen unterstützen. Andere aber werden feststellen, dass die Menschen, die ihnen am nächsten stehen, tatsächlich diejenigen sind, die den größten Widerstand dagegen leisten, sich selbst zu verbessern. Möglicherweise müssen sie sich an Online-Communities wenden, um Unterstützung zu erhalten. Vielleicht kann auch ein alter Freund oder Kollege „von außerhalb“ helfen.

In jedem Fall sollten wir uns mit Menschen umgeben, die uns stärken und ermutigen, anstatt uns zurückzuhalten. Sobald wir die richtigen Leute gefunden haben, die uns unterstützen, wird es einfach sein, den richtigen Weg nach vorne zu finden. Es wird sich immer noch unangenehm anfühlen, aber mit den richtigen Leuten an unserer Seite ist es einfach, sich mehr auf das Aufregende als auf das Unheimliche zu konzentrieren.

Nur wenn wir das Gefühl der Angst ertragen und unsere Komfortzone verlassen, können wir unserem Leben mehr Bedeutung geben. Und oft braucht es dafür gar keine Weltreise, sondern vermeintlich kleine Veränderungen und Abenteuer.

Es wird Zeit zu leben!
Wovor haben wir nur so viel Angst?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.