(Un-)Freiwillige Sparsamkeit

Frugalist Oliver stellt seine eigene Seife her, Marion ihren eigenen Brotaufstrich und Shia ihr eigenes Waschmittel. Lassen wir im Folgenden einmal den ökologischen Aspekt außen vor. Aber ist es wirklich sinnvoll, seine Zeit mit der Herstellung von einfachen Haushaltsreinigern und Nahrungsmitteln zu verbringen? Ist die Rendite dieser „Life-Hacks“ nicht vernachlässigbar? Ich denke in gewisser Weise schon. Denn durch die Herstellung eigener Seife spart man bestenfalls ein paar Euro. Das macht dich nicht reich. Es lässt dich auch nicht früher die finanzielle Freiheit erreichen. Und vor allem gibt es dir sehr wenig Gegenleistung für deinen Aufwand. Sparsamkeit

Viel wichtiger bei der Diskussion um Spar-Hacks ist allerdings ein wichtiger Punkt, der aus meiner Sicht häufig vernachlässig wird: Minimalisten und Frugalisten entscheiden sich AKTIV für ein sparsames Leben. Sie drehen freiwillig jeden Euro um und stellen freiwillig ihre eigene Seife her. Aber es gibt da draußen sehr viele Menschen, die nicht das Glück einer Wahlfreiheit haben. Sie leben unfreiwillig sparsam.

Der Unterschied zwischen beiden Gruppen ist enorm.

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Freiwillige vs. unfreiwillige Sparsamkeit

Wer sparsam sein möchte ohne es zu müssen, kann seine Ersparnisse berechnen. Dafür kann er oder sie ermitteln, wie viel Geld durch den selbst erbrachten Mehraufwand gespart werden konnte. Das macht aber eben nur für denjenigen Sinn, der freiwillig spart. Denn wer sparsam ist, weil er es sein muss, für den ist diese Überlegung wertlos. Ähnlich verhält es sich mit andern gut gemeinten Ratschlägen der freiwilligen Sparer. Jene Tipps, die sie für andere haben – mit der Überzeugung, dass doch jeder etwas mehr sparen könne.

Hier meine beiden persönlichen Spar-Bullshit-Tipps.

Such dir einen (Neben-)Job Sparsamkeit

Der beliebteste Spartipp ever. Von gut ausgebildeten, jungen und häufig kinderlosen Menschen, die mit dem Internet aufgewachsen sind. Sie predigen Nebenverdienste (natürlich online), Affiliate-Marketing und Nomadentum. Ehrlich, ganz großes Kino. Wer Geld braucht, soll halt welches verdienen. Punkt. Und wer seine Sparquote erhöhen möchte, soll sich halt einen Nebenjob suchen. Oder sich nebenher eine Selbstständigkeit aufbauen. Irgendwas mit Nischenseiten. Oder T-Shirt-Business. Oder ein Buch schreiben.

Ich frage mich dann immer, in welcher Welt diese Pfiffikusse leben. Natürlich können manche Menschen diese Ratschläge umsetzen. Sie haben Zeit und das Know-how. Aber für viele klappt es eben nicht. In Deutschland beziehen über 1,8 Millionen Personen eine Erwerbsminderungsrente, sind also langfristig zu krank, um sechs Stunden oder mehr am Tag zu arbeiten. Andere wiederum können arbeiten, finden aber einfach keine Arbeit. Knapp vier Millionen Menschen sind Empfänger von Arbeitslosengeld II („Hartz 4“). Einige von ihnen gehören zu den 4,5 Millionen, die ausschließlich geringfügig beschäftigt sind („Minijob“). Sparsamkeit


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Und selbst wenn man einen Job gefunden hat, bedeutet das noch keine Sicherheit. Etwa 7,5 Prozent aller Arbeitnehmer:innen haben lediglich einen befristeten Arbeitsvertrag. Das sind zusätzlich nochmal rund 3,4 Millionen Beschäftigte. Die meisten befristeten Verträge haben eine Laufzeit von unter einem Jahr. Und das sind nur die reinen Fakten. Bei der Jobsuche spielen zudem geografische, persönliche (Kinderbetreuung, Pflege etc.) und körperliche Einschränkungen eine Rolle.

Hol‘ dir eine Gehaltserhöhung! Sparsamkeit

Auch das ist so ein Argument von gut bezahlten Akademikern. Von Controllern, IT-Beratern (so wie ich) oder Ingenieuren. Als Pflegekraft, Krankenschwester, Verkäufer im Einzelhandel, Logistikfachkraft oder als Erzieherin kann man nicht mal eben beim Chef eine Gehaltserhöhung aushandeln. Zudem ist in der Praxis ein höheres Gehalt häufig mit einer höheren Arbeitsleistung verbunden. Gegebenenfalls springt am Ende sogar ein niedrigerer Stundenlohn heraus. Und den sollten wir in diesem Fall (Autarkie beim Waschmittel) ja betrachten.

In der Regel müssen Arbeiternehmer:innen Zeit und Energie aufwenden, in der Hoffnung, dass Sie vielleicht irgendwann ein höheres Gehalt bekommen. Außerdem ist der gesteigerte Einsatz möglicherweise mit Kosten verbunden. Längerer Arbeitsweg, eigene Weiterbildung, neue Kleidung, und so weiter.

Unsere Pflicht als Finanzblogger

Wir haben nicht alle die gleichen Startbedingungen. Bei allen Spartipps und Ratschlägen, sollten wir Finanzblogger:innen im Auge behalten, dass nicht jeder die gleichen Lebensumstände hat. Wir sehen immer nur einen kleinen Ausschnitt. Manche bewegen sich offenbar sogar in ihrer eigenen Filterblase. Aber die persönlichen Umstände sind nicht universell. Wir sollten also vorsichtig sein, wenn es um das Thema Sparen geht. Es gibt Millionen Menschen in Deutschland, die unfreiwillig sparen müssen. Tag für Tag, Woche für Woche.

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Natürlich ist es sinnvoll, wenn möglichst viele Blogger ihre Erfahrungen teilen. Wenn sie Ratschläge geben, die sie für hilfreich halten. Was ich allerdings für bedenklich halte, ist die zunehmende Überheblichkeit und Realitätsferne. Menschen mit Schulden oder einer geringen Sparquote seien „selber schuld“, Einkommens- und Kapitalertragssteuern seien der Einstieg in den Sozialismus und wer es nicht schaffe, sei einfach zu faul.

Dabei ist unfreiwillige Sparsamkeit nicht einfach. In Gegenteil. Zumindest glaube ich nicht, dass viele Menschen gerne jeden Cent umdrehen. Dass sie gerne jede Ausgabe hinterfragen und ständig nach neuen Einsparpotentialen suchen, um nicht in die Schuldenspirale zu geraten.

Ich bin fest davon überzeugt, dass die allermeisten Menschen im Rahmen ihrer Möglichkeiten (Sozialisierung, Ausbildung, Lebenssituation) ihr Bestes geben. Das sollten wir nicht grundsätzlich in Frage stellen. Und verspotten – gemäß des Mottos: „Sie haben einfach nicht das richtige Mindset“ – sollten wir sie schon mal gar nicht.

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16 Gedanken zu „(Un-)Freiwillige Sparsamkeit“

    1. Hi Michael,
      das versuche ich zumindest. Wahrscheinlich landet mein Konterfei jetzt auf der ein oder anderen Blogger-Dartscheibe. Aber das hat ja auch was… 🙂

      Viele Grüße
      Felix

  1. Ein guter und wichtiger Kommentar. Besonders „speziell“ finde ich es immer wieder, wenn die Bullshitbingo-Tipps aus dem Mund von jungen Küken kommen, die teilweise noch nicht einmal das Studium abgeschlossen haben. Ich frage mich unwillkürlich, auf Basis welcher Lebenserfahrung diese Tipps entstanden sein sollen.

    Eigentlich hast du hier gleich zwei Aufreger in deinem Post untergebracht, denn das Seife-selber-machen und Co. ist schon so extremistisch/dogmatisch, dass es einem kalt den Rücken runterläuft. Wenn ich so etwas lese, dann frage ich mich, ob diese Menschen denn so absolut keinerlei Gefühl dafür haben, was ihnen ihre eigene Zeit wert sein sollte. Das führt doch jedes „Rente ab 40“ ad absurdum, wenn man dafür in den Jahren davor Stunden um Stunden damit vertändelt für ein paar Cent Einsparung Dinge selbst zu machen, die völlig problemlos (und oft auch noch umweltfreundlich) in Minutenschnelle zu beschaffen wären. Da möchte ich den Betreffenden ihre eigenen „Tipps“ um die Ohren schlagen.

    Meiner Meinung nach sollte jeder, der sich nicht entweder selbst erfolgreich aus dem Armutssumpf gezogen hat oder nicht nachweisbar anderen im Verwandten- oder Freundeskreis aus diesem Sumpf geholfen hat mit den „such dir halt einen besseren Job“-Tipps beherzt die Füsse stillhalten.
    Ja, an Selbstmotivation, „ich mache das“ statt „ich probiere das mal“ und Co. ist ja durchaus etwas dran. Man kann die Botschaft aber problemlos netter und gemeinschaftsverträglicher verpacken.

    1. Hi „KauntNull“,
      Aufreger sind doch gar nicht so mein Ding. Als Schalke-Fan und dreifacher Papa habe ich davon genug 🙂 Aber ernsthaft, vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar. Dem ist auch nichts mehr hinzuzufügen.

      Viele Grüße
      Felix

  2. Danke für diesen Artikel!
    Ich kann in vielem nur zustimmen.
    Wenn man genug für ein gutes Leben verdient und den Rest für sich arbeiten lassen kann, dann ist das eine Form von Reichtum. Wenn man nicht genug zum Leben hat, um gut leben zu können, stattdessen kaum für das Nötigste aufkommen kann, dann nennt man das gemeinhin auch Armut. Wenn Reichtum der Armut gute Ratschläge gibt, dann ist das obszön.
    Das heißt allerdings nicht, dass man keine Hilfe zur Selbsthilfe geben darf. Nur sollte diese, und darin ist der Artikel sehr treffend, nicht aus den Lifestyle-Hacks bestehen, die in der eigenen Filterblase aus geboren wurden.

  3. Danke für den Beitrag Felix!
    Du bist eine tolle einordnende, moralische Instanz zu dem was auf der Blogroll erscheint 🙂

    Vermutlich gibt es als universell anwendbare Spartipps nur zwei sehr einfache Fragen:
    Brauche ich das wirklich?
    Falls ich es brauche, brauche ich es wirklich neu?

    Trotzdem finde ich es immer wieder spannend, wenn es mal den einen oder anderen Beitrag gibt, der mit einem Fallbeispiel zum Nachdenken anregt. Z.B. bin ich durch Olivers Waschmaschinenbeitrag auch so mutig gewesen meine Waschmaschine aufzuschrauben um nach dem Rechten zu sehen. Eine Anfahrt vom Techniker hätte 89€ gekostet.

    Seife oder Waschmittel würde ich wohl nur als Experiment mit den Kindern herstellen. Das hat mit Sparen wirklich nichts zu tun. Kann aber natürlich trotzdem der erste Schritt sein, um sich auch in anderen Bereichen selbst zu helfen.

    Das Wort Mindset sorgt bei mir allerdings für Beklemmungen und ich bekomme jedes Mal das Gefühl, dass das „nicht vorhandene Mindset der Anderen“ der Hauptteil der Gehirnwäsche ist, mit der einige Seiten versuchen ihre Produkte, Kurse etc zu verkaufen. Siehe Youtube Steuerberaterwerbung / Immocation / Instagramseiten. Bei sowas hoffe ich immer, dass es nur in „unserer“ Filterblase vorkommt und die meisten Leute selbstbewusst genug sind, um das auszublenden..

    1. Hi Jens,
      was soll ich sagen – ich bin eine Mischung aus Brad Pitt und Sankt Martin 🙂
      Ich habe auch gar nichts gegen Sparen, Reparieren oder Ausprobieren. Sondern gegen diese „Es-liegt-nur-in-deiner-Hand“-Erzählung. Nein, es haben nicht alle die gleichen Startbedingungen. Nein, der Markt kann nicht alles regeln im Sinne der Gesellschaft. Nein, manchen ist selbst eine monatliche Sparsumme von 50 Euro nicht möglich.

      Das alles ist weltfremd – genauso wie meine (burleske) Wahrnehmung als „Brad Pitt und Sankt Martin“ 🙂

      Viele Grüße
      Felix

  4. Hallo Felix,
    wie schön, auch mal einen kritischen Artikel zum Thema zu lesen, vielen Dank. Den Kommentaren kann ich nichts Neues hinzufügen volle Zustimmung, gerade zu Bullshitbingo Tipps das trifft es genau.

  5. Hallo,

    ich bin zwiegespalten, ich selbst zähle vermutlich eher zu der Gruppe „mach-doch-jeder-kann-es-schaffen“. Allerdings habe ich mir auch das „finanzielle Mindset“ sehr zu Gemüte geführt und auch von zu Hause aus wurde immer Sparsamkeit gepredigt. Mir hat es in der Jugend aber ehrlich gesagt an nicht viel gefehlt, auch weil ich bereits im 12 Jahren Flyer und Zeitungen verteilt habe und seit dem ich 16 war gekellnert habe statt am Wochenende zu feiern.

    Aber ich erlebe auf der Arbeit täglich auch das Gegenteil, in einer Branche in denen 30% Zeitarbeiter sind, die vom einen auf den anderen Tag „weg“ sind und auch unter den Festangestellten sind einige Leute die in Privatinsolvenz stecken, haben viele eben andere Sorgen…
    Auch wenn hier bei 17€ Stundenlohn, für eine ungelernte Tätigkeit und 40h Woche am Ende theoretisch knapp 2000€ Netto bleiben. Davon zieht man 500€ für Miete und 300€ fürs Auto ab, dann sollten eigentlich die 50€ Sparrate im Monat drin sein. Vor allem wenn man sieht, dass jeder zweite hier raucht…
    Und ich kenne auch hier den Fall in dem ein Mensch mit 60km Arbeitsweg, alleinerziehend und Pflegeperson von den Eltern noch SAP Lehrgänge machen um voranzukommen. Das ist aber leider die Ausnahme und die Kraft muss man auch erstmal haben. Viele andere sind vermutlich froh, wenn sie nach der Arbeit, Hausarbeit und Familie abends ne Stunde oder zwei Fernsehen können…

    Man muss allerdings auch Interesse an dem Thema haben und sich damit auseinander setzen wollen und können und es sind nun mal nicht alle Menschen gleich „Clever“ (soll nicht despektierlich gemeint sein)

    Aber am Ende des Tages bleibe ich wohl dabei: Wenn man WIRKLICH will, kann man es schaffen, aber dafür müssen einem erstmal die Möglichkeiten bewusst sein und man muss seine Prioritäten setzen!

    Frosti

  6. Da bin ich ja schon fast stolz, dass mein Blog ohne das Wort „Mindset“ auskommt. 🙂 Ich bemühe mich tatsächlich auch, „normale“ Menschen mit meinen Themen zu erreichen. Theoretisch kann man immer mehr erreichen. Aber selbst dafür braucht man erst mal den Luxus von Zeit & gesichertem Einkommen. Wer rund um die Uhr schuftet und Familie zu versorgen hat, landet im Teufelskreis: Man ist so beschäftigt, dass man sich nicht mal Gedanken machen kann, seine Lebenszeit anders zu gestalten.
    Finde es deswegen auch wichtig, dass man als Leser schnell an wichtige Infos kommt. Mir ist der Finanzblogroll ehrlich gesagt mittlerweile zu voll. Ich klicke ab und zu auf interessante Titel (wie von diesem Beitrag), aber ich brauche keine News über Aktien, ETF & P2P-Reports.

    1. Hi Jenny,
      da werde ich aber nochmal genauer nachschauen, ob sich das Wörtchen „Mindset“ nicht noch irgendwo versteckt 🙂
      Dein Schwenk von ‚wenig Zeit‘ zum überladenden Finanzblogroll ist gewagt. Aber korrekt. Ich überlege gerade, wie man wieder etwas mehr Struktur reinbringen kann. Dass sich allerdings manche für Monatsrückblick interessieren (und sich damit ggf. auch motivieren) und andere nicht – das wir wohl nicht zu vermeiden sein.

      Viele Grüße
      Felix

  7. Was schon in einigen Kommentaren angeklungen ist, möchte ich nochmal als verwandten Aspekt etwas hervorheben.
    Eine Firma nebenbei aufzubauen oder Projekte zu starten erfordert Kraft und Motivation. Das hat nicht jeder und meine Beobachtung ist, dass es oft einfach die „Gene“ sind. Manche Menschen in meinem Umkreis haben von Natur aus mehr Energie und Motivation als andere Menschen. Ich hatte z. B. eine Mitbewohnerin, die nach einem Arbeitstag mit anschließendem Sport sich regelmäßig abends gegen neun an ihren Laptop gesetzt hat, um Arbeitsgruppen und Veranstaltungen ihres Vereins vorzubereiten. Hat ihr keinen Spaß gemacht. Sie war aber enthusiastisch und energetisch und hat es durchgezogen. Hätte ich nicht dauerhaft machen können, obwohl ich nicht dumm, faul oder uninteressiert bin. Akku leer, schlicht keine Kraft/Lust/Motivation. Da hilft auch das richtige „Mindset“ nicht.
    „Man muss nur wollen, Tschaka!“ finde ich also nur bedingt richtig. Man sollte Dinge im Rahmen seiner eigenen Möglichkeiten und Veranlagungen angehen, Nicht jeder ist als Entrepreneur geboren, auch wenn er es gern wäre und es Andere ihm sagen.

    1. Hi Florian,
      ja das sehe ich genauso. Wichtig ist, hier nochmal einen Schritt zurück zu machen und zu überlegen, was im Leben wirklich wichtig ist. Natürlich ist „Selbstverwirklichung“ oder Spaß im Job cool und wichtig. Aber letztendlich sind es wohl andere Dinge, auf die man im Leben zurückblicken wird, die wirklich entscheidend sind.

      Viele Grüße
      Felix

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