Chillt mal, Leute!

Neulich habe ich einen meiner sehr seltenen Ausflüge ins Instagram-Reich gewagt. Ich war auf der Suche nach einer Seite für das neue Finanzblogroll Magazin. Chillt mal!

Dabei sind mir diesmal erstaunlich viele Beiträge ins Auge gefallen, die sich mit dem Aufbau verschiedener Nebenbeschäftigungen befassen. Starte ein Online-Business hier, schreibe ein Buch dort. Und ein kostenpflichtiges Seminar darf natürlich auch nicht fehlen. Aufbauen kann man die #sidehustles ja ganz easy nach Feierabend. Oder am Wochenende.

Ich weiß manchmal gar nicht, ob ich lachen oder weinen soll.

Krank von Produktivitäts-Pornos

Es gibt immer mehr Leute, die auf Social-Media-Kanälen und Blogs über die Vielzahl ihrer Nebenbeschäftigungen schreiben. Ihr hektischer Lebensrhythmus macht mich müde. Selbst, wenn ich nur darüber nachdenke.

Ernsthaft, ich freue mich für jeden, der motiviert seine Ziele verfolgt. Womit ich nicht einverstanden bin, ist abwertendes Schwarz-Weiß-Denken. Der dogmatische Glaube, dass alle, die nicht ihre „Einkommen diversifizieren“ und Nebenbeschäftigungen aufbauen, unmotivierte Looser seien.

Selten wird dieser Eindruck direkt vermittelt. Sehr häufig aber implizit. Chillt mal!




Natürlich sind mehrere Einnahmequellen wahrscheinlich eine gute Idee. Aber nicht alle von uns haben die Zeit oder Energie dafür. Wie viele von euch wissen, habe ich Schlafstörungen. Genauer gesagt drei Stück. Die jüngste ist 9 Monate alt. Und neben meinen familiären Rechten und Pflichten, habe ich einen (oft anspruchsvollen) Hauptjob.

Side Hustler verkaufen ihre Side Hustles

Erstaunlicherweise, sind Side Hustler auf Facebook, Instagram & Co sehr aktiv. Sie twittern ständig über ihre Produktivität. Oder schreiben Bücher über ihr Erfolgsrezept. Allerdings sind die meisten dieser selbsternannten „Experten“ auch verdammt jung.

Waren sie auch so aktiv auf Social-Media, wenn sie wirklich so viel Erfolg hätten? 🙂

Andererseits haben viele auch Erfolg mit dieser Strategie. Ganz bestimmt werden einige von ihnen Jahre früher in Rente gehen als ich. Aber dieses Leben ist eben nicht für jeden möglich. Deshalb auf mangelnde Produktivität zu schließen, ist aus meiner Sicht … schäbig.

Nein, ich brauche keine Entschuldigung, um neue Nebenbeschäftigungen aufzubauen. Oder so zu tun, als wäre ich ein Experte in irgendetwas. Nur um damit zu prahlen, dass ich damit ein paar Euro dazu verdiene.

Chillt mal!

Es ist mein Recht, abends auf meinem Arsch zu sitzen und fernzusehen. Oder bei den „Alten Herren“ Fußball zu kicken und danach ein/zwei Bierchen zu trinken. Oder im Schrebergarten zu buddeln, bis die Sonne untergeht. Ich muss abends keinen Podcast oder ein neues YouTube-Video schneiden.

Verurteilt mich gerne für meine Meinung. Bedenkt aber gleichzeitig, dass es nicht DEN EINEN Weg für alle gibt. Möge jeder machen was er will. Aber mich braucht niemand überreden oder ein schlechtes Gewissen machen.

Übrigens: Ist euch schon mal aufgefallen, dass es bei den Side Hustlern meist um das Einkommen geht? Selten aber um den Nettogewinn ihrer Tätigkeiten (die ja selten passiv sind). Externe Mitarbeiter, Werbung oder eigene Arbeitsstunden werden selten erwähnt. Chillt mal!




Hören wir auf uns zu rechtfertigen! Chillt mal!

Beim Schreiben der Zeilen oben ist mir aufgefallen, dass ich von meinen drei Kindern gesprochen habe. Sie wären der Hauptgrund für meine „Unlust“ an weiteren Nebenbeschäftigungen. Na ja , immerhin habe ich ja einen Blog 🙂

Aber da geht es ja schon los. Warum fange ich an, mich zu rechtfertigen? Selbst, wenn ich kinderlos und alleinstehend wäre, könnte ich mich aus guten Gründen gegen Side Hustles entscheiden. Könnte meine Freizeit mit Freunden, Sport oder der Familie verbringen. Oder mich ehrenamtlich engagieren. Oder einfach nur Netflix glotzen. Warum immer direkt mehr Geld verdienen, noch mehr sparen, noch mehr investieren?

Abgesehen davon, können viele Menschen aus körperlichen oder psychischen Gründen nicht ständig produktiv sein. Zack, schon wieder die nächste Ausrede. Warum nicht einfach mal sein Leben chillen?

Slow-FI – Der Weg ist das Ziel

Meine Frau und ich träumen von einem Wochenende mit Schlaf. Viel Schlaf. Die Vorstellung, sein Leben freiwillig in Hektik zu leben, ist mir vollkommen unverständlich.

Ich möchte nicht jahrelang meine Zeit für Geld opfern, um irgendwann mal meine „Zeit zurück zu kaufen“. Dafür ist das Leben zu unvorhersehbar und heimtückisch. Nicht wenige Menschen erkranken früh. Leider kenne ich das auch aus meinem persönlichen Umfeld.

Ist es also sinnvoll, sich jahrelang den Arsch abzuarbeiten – und auf alle möglichen kleinen Freuden zu verzichten – nur um jung in Rente zu gehen? Nur um kurz darauf krank oder behindert zu werden? Okay, immerhin müsste man sich dann keine Sorgen um die finanziellen Folgen der neuen Arbeitsunfähigkeit machen. Aber andererseits, wären große Teile der gesunden damit verschwendet, unbequem zu leben, nie wirklich auszugehen und das Leben zu genießen.

Nicht zuletzt deshalb, ist das Konzept des „Slow-FI“ so beliebt geworden. Statt extremen Sparzwängen zu folgen, genießt man die Gegenwart. Gleichzeitig reflektiert man sein Ausgabenverhalten und spart rund zwanzig Prozent seines Einkommens. Chillt mal!




Um es nochmal klar zu sagen: Ich bin nicht der Meinung, dass jeder, der sich Side Hustles aufbaut, seine Lebenszeit verschwendet. Sicher haben viele von ihnen einfach mehr Energie und Motivation als ich. Was mir nicht gefällt ist, dass sie ihr Leben im Heute anpassen, um auf ein bestimmtes Ziel in ferner Zukunft hinzuarbeiten. Denn in den meisten Fällen sieht die Zukunft anders aus, als wir sie uns heute vorstellen mögen. Auf dem Weg in diese ungewisse Zukunft, verpassen einige möglicherweise ihr Leben.

Unsere Zeit ist begrenzt

Wie gesagt: Jeder soll machen, wonach ihm oder ihr ist. Aber hört doch endlich auf, uns mit Tschakka-Seminaren und „So-werde-ich-reich“ Büchern vollzuballern. Ich brauche kein schlechtes Gewissen.

Chillen ist eine geile Sache. Auch wenn ich deshalb ein paar Jahre später in den Ruhestand gehen muss. Ständige Hektik ist anstrengend und erschöpfend. Es ist keine gesunde Art zu leben. Vor allem dann, wenn wir die besten Jahre unseres Lebens verschenken für eine Zukunft, die möglicherweise nie so eintreffen wird.

Als Finanzinteressierte und souveräne Privatanleger:innen sind wir gut aufgestellt. Mit moderaten Sparquoten und kostengünstigen ETF-Sparplänen haben wir die finanziellen Weichen für die Zukunft gestellt. Jetzt gilt es, das Leben zu genießen. Sport, Spaziergänge, Ausflüge mit der Familie, Freunde treffen, feiern und auch – um Himmels Willen – Netflix glotzen.

Unser zukünftiges „Ich“ wird es uns danken.
Ganz bestimmt.

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14 Gedanken zu „Chillt mal, Leute!“

  1. Sensationeller Artikel! Perfekt auf den Punkt gebracht! Ich habe EINEN gutbezahlten und sicheren Job und meine einzige weitere Einnahmequelle sind Dividenden. Und ich habe nicht einmal ansatzweise vor, etwas daran zu ändern! Auch nerven so langsam diese „Spartipps“. Ich trinke mein Bier gerne kalt und habe daher nicht vor, meinen Kühlschrank wärmer zu stellen, um Strom zu sparen. Und ich schiebe auch nicht mein Auto durch die halbe Stadt, um am Ende 3 Cent pro Liter zu sparen. Den Begriff „Lebensqualität“ definiere ich da irgendwie anders. Und ich bin froh, daß nicht nur ich das so sehe…

    1. Hi Armin,
      wem sagst du das. Wegen dem Ouzo (des Ouzos?!) musste ich den Kühlschrank im Keller ganz kalt stellen. Was für ein Stromverbrauch! Aber da sind wir wieder bei Harald Juhnke 🙂

      Viele Grüße
      Felix

  2. Hi Felix

    Toll geschrieben! Leben und leben lassen, sage ich da immer. Jeder ist in einer anderen Lebensphase und einen anderen Hintergrund. Mit Frau und Kinder verschieben sich die Prioritäten ganz bestimmt.

    Der Gedanke verschiedene Einkommensquellen zu besitzen reizt mich seit Jahren. Deshalb arbeite ich neben meinem Hauptjob in meiner Freizeit an diesem Ziel. Stück für Stück aber nicht exzessiv damit ich unabhängiger werde.

    Ich bin 25 Jahre jung, wohne mit der Freundin zusammen, treffe mich regelmässig mit Freunden und näheren Familienmitglieder, bin im Kino anzutreffen, lese Bücher, chille auf Youtube, Instagram & Netflix aber meine aktuell höchste Priorität hat die eigene Gesundheit (Sport und Ernährung). Wie so oft ist ein gesundes Mittel wohl das beste 🙂

    Liebe Grüsse
    Schweizer Minimalist

    1. Hi M* 🙂
      der Beitrag hatte den Arbeitstitel „Mittelmaß ist gar nicht so scheiße“. Aber Google mag Fluchen nicht so. Bin diesen Monat schon mit dem Finanzblogroll Magazin („Glücksspiel“) an den Google Mailboxen gescheitert. 🙂

      Tatsächlich schaue ich auch viel mehr YouTube als Netflix. Aber auch da gibt es noch zu viele Aktienanalyse-Videos in meinem Feed. Besser sind Dokus.
      P.S. Letztens gab es eine sehr bewegende Doku (ich glaube vom WDR) über ein Kleinkind mit Krebs. Da wird man mal wieder richtig eingenordet, wenn man so etwas trauriges sieht.

      Viele Grüße
      Felix

      1. Mit stur in ETFs und etwas Finanzwissen gehört man ja nicht zum Mittelmass der Gesellschaft 😉 Wir sind einfach einer Bubble gefangen.

        Aktienanalysen sind zum Glück keine in meinem Feed, das reizt mich gar nicht mehr.

        Bin derzeit im Zivildienst in einem Spital tätig. Da erlebt und sieht man auch so einiges auf den Stationen. Da wird man sich wieder bewusst, dass das Leben immer tödlich endet.

        Bleib Gesund!

        1. Das letzte Hemd hat nun einmal keine Taschen, und als reichster Mensch auf dem Friedhof enden will auch niemand. Phrasenschwein voll? 🙂 Ich habe damals, in Deutschland, meinen Zivildienst in einem Altersheim absolviert. Dazu muss man wissen, dass die Restlebenserwartung in einem Heim in DE etwa halb so hoch ist wie in der Schweiz. War für mich mit nicht einmal 20 Jahren folglich eine Grenzerfahrung. Bringt dir niemand bei, wie du mit dem allgemeinen Sterben um dich herum umgehen sollst.

          Was so manche hochambitionierte Finanzblogger gern übersehen ist, dass wir die Summe unserer Erfahrungen sind (oder etwas mehr, denn „die Summe ist mehr als die Addition der Teile“ oder so). Meine Erfahrungen sagen mir, ebenso wie die von Felix, dass FIRE ja im Ansatz eine nette Idee ist, in der Praxis aber in der Mehrzahl aller Fälle an den Unwägbarkeiten des Lebens scheitern wird. Wenn die Erfahrungen nur aus „ich maloche mich kaputt, nur damit ich so schnell wie möglich in Rente kann“ bestehen und sonst nix, stellt sich ausserdem rasch die Frage nach der Lebensqualität – und was mensch mit der gewonnenen Rentenlebenszeit denn anzufangen weiss. Die ganzen SideHustles, die dann auf einmal die Haupteinnahmen sind, brechen schneller weg als man es erwartet. Wer will schon einem Frührentner auf Youtube folgen oder überwiegend „boah, letzten Monat wieder XY EUR Dividende gehabt“-Blogs lesen?

          Mein Opa war ein klassischer Malocher, Stahlwerk, Schichtdienst. Nicht wirklich Zeit für Hobbies, Geld schon gar nicht. Als der in Rente ging, hat er ziemlich lange gebraucht um mit seiner gewonnenen Zeit etwas anfangen zu können.

      2. Hallo Felix,

        …und ich wundere mich, warum ich die Info über das neue FBR-Magazin nicht bekommen habe!
        Kannst Du mir bitte nur das Kennwort zuschicken (über die Mailadresse im Kommentar-Feld)?

        Danke und Gruß,
        Mike

        PS: Super Artikel, inhaltlich ein Volltreffer!

  3. Pingback: Schmankerl der Woche KW41 2021 –

  4. „… in den meisten Fällen sieht die Zukunft anders aus, als wir sie uns heute vorstellen mögen.“

    Das gilt auch für Dich/Euch 😉

    „Wie viele von euch wissen, habe ich Schlafstörungen. Genauer gesagt drei Stück. Die jüngste ist 9 Monate alt.“
    „Meine Frau und ich träumen von einem Wochenende mit Schlaf. Viel Schlaf.“

    Ging uns auch lange so. Bis alle Kiddies in der Pubertät waren und gar nicht mehr aus dem Bett kamen. Da träumten wir von einem gemeinsamen Frühstück mit der ganzen Familie. So verschieben sich die Realitäten.
    Und heute? Letzter Samstag – abends verschwindet ein Kind nach dem anderen. Wir gehen früh ins Bett, die Schlafstörungen sind ja angeblich Vergangenheit.
    Kurz vor 01:00 Telefon, ein Freund von Sohn I. Der sei so abgefüllt, das die Clique sich nicht traut ihn allein nach Hause zu schicken, sehr fürsorglich. Also aufstehen, anziehen, Kind abholen, wieder ins Bett. Nochmal aufstehen, eine Schüssel ans Bett von Sohn I stellen.
    02:30 – Sohn II versucht sich leise in die Wohnung zu schleichen, was kläglich misslingt, aber immerhin schafft er es in sein Zimmer ohne das wir das Bett verlassen müssen.
    Gegen 05:00 Gewisper im Flur, Tochter I erscheint (die älteste) und bringt noch jemanden mit. Neugier ist mir nicht völlig fremd, so erhebe ich mich und tue so als ob ich nur mal zum Klo muss. Zwei total ineinander verschlungene Gestalten starren mich entsetzt an, Tochter I sagt „bitte keine dummen Sprüche“ – ich nicke nur. Als ich aus dem Bad komme sind die beiden noch, äh, aufgeheizter als zuvor. Ich werfe dem jungen Mann eine Packung Kondome zu, und murmele „is besser so…“. Tochter weiß nicht mehr ob sie mich mag, diesen oberpeinlichen Typen.

    Also falls Euch mal ein Wochenende mit Schlaf, viel Schlaf, vergönnt sein sollte – behaltet es in guter Erinnerung.

    Die Message des Artikels unterschreibe ich zu 100%.

    1. Haha, sehr gute Story. Bei RTL 2 (VOX?) wäre das wohl „mitten aus dem Leben“. Tja, auf der anderen Weide erscheint das Gras immer grüner. Das bleibt nicht aus.
      Oder wie es ein ehemaliger Kollege von mir (ebenfalls Vater älterer Kinder) formulierte: „Kleine Kinder, kleine Sorgen. Große Kinder, große Sorgen.“

      VG
      Felix

  5. Hallo Felix,
    auf den Punkt gebracht! Danke!
    Die meisten Lifestyle-Gurus in ihren 20ern erscheinen mir ungefähr so authentisch wie ein Bundespolitiker, der sich entspannt mit hochgekrämpelten Ärmeln auf die Bierbank zum gemeinen Volk setzt. Sie sind in vielen Fällen Fakes, geboren in einer Fake-Kultur. Was gerne bei den „professionellen“ Sidehustlern übersehen wird: Ihre Social-Media-Präsenz ist eigentlich ihr Mainhustle, ist ihr eigentliches Geschäftsmodell. Heute geben Sie Online-Kurse zum Aufbau eines skalierbaren Online-Business, morgen verkaufen sie dir Schürfrechte auf dem Mond.

    Sidehustles sind leider zu einem Marketing-Instrument verkommen. Schade! Denn es funktioniert: Man kann sich neben der Spur etwas aufbauen, ein weiteres Standbein, ein Nebeneinkommen, aus dem vielleicht irgendwann einmal eine vollumfängliche Selbstständigkeit wird. Das kostet aber vor allem Opfer. Für Instagram, Youtube oder Facebook hast du da keine Zeit mehr. Da wird es hektisch. Für eine gewisse Zeit im Leben mag das gehen; aber als Lebensmodell ist es schlichtweg die Hölle.

    Slow-FI erscheint auch mir als sinnvolles Mittel der Wahl, um Leben und Wohlstandsmehrung unter einen Hut zu bringen. Da kannst du über die Fake-Rolex-Träger am Strand in den Emiraten oder in Thailand nur lächeln.
    Es grüßt
    Mirko

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